Die Eisenbahnlinie Kaldenkirchen - Kempen
Die Eisenbahnlinie Kempen – Kaldenkirchen
Vorgeschichte
In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts führte die Erfindung der
Eisenbahn zu Möglichkeiten, die man sich in den kühnsten
Träumen nicht vorgestellt hatte. Die „eiserne Bahn“
überbrückte Zeit und Raum und belebte das Wirtschafts- und
Verkehrsleben, das bisher im beschaulichen Tempo der von Pferd und Wagen
beherrschten Epochen verlaufen war.
In Deutschland hatte man sich zwar auch schon seit geraumer Zeit Gedanken
über die Eisenbahn gemacht. Aber dieses „Deutschland“
gab es eigentlich gar nicht. Deutschland war zerrissen in fast vierzig Staaten,
Länder und Ländchen, die auf ihre
„Souveränität“ pochten. Es gab keine einheitliche
Währung, keine einheitlichen Maße und Gewichte. So rechnete man z. B.
im Norden mit Mark und
Schilling, in Preußen und in Mitteldeutschland mit Taler und
Groschen, in Süddeutschland mit Gulden und Kreuzern, aber daneben gab es noch alle möglichen anderen
Währungen. Eine Meile maß in Bayern 7.420,4 Meter, in Württemberg
7.448,70 m in Sachen 7.500 m und in Preußen 7.532,5 m.
Darüber hinaus gab es Zollschranken: wer von Hamburg nach Wien reiste, musste ein gutes Dutzend dieser Barrieren bewältigen. Jedes Land hatte seine eigene Zeit; zwischen Köln und Königsberg bestand die Differenz von rund einer Stunde, größere Städte hatten gar ihre eigene Ortszeit und nicht zuletzt: Ansätze zu einer industriellen Entwicklung, die während der Ausschaltung Englands durch Napoleons Kontinentalsperre in den Jahren nach 1806 begann, wurden durch die hereinströmenden englischen Waren gelähmt. Die Voraussetzungen für die Eisenbahn waren also in Deutschland denkbar ungünstig.
Dennoch, die Gesamtsituation in Deutschland beginnt sich zu verändern. Im Jahre 1832 entsteht zwischen den Königreichen Bayern und Württemberg ein Zollverein, und der Zusammenschluss eines großen Teils des Deutschen Bundes zum Zollverein – der dann 1834 erfolgte – lang schon in der Luft. So kam es am 14.5.1833 zur Gründung einer Gesellschaft für die Errichtung einer Eisenbahn mit Dampffahrt zwischen Nürnberg und Fürth, was letztlich zum Bau der ersten Eisenbahnlinie in Deutschland im Dezember 1835 führte.
Der Grund für den Bau dieser Eisenbahnlinie war jedoch weiniger die Notwendigkeit des Ausbaus des Gütertransportes als vielmehr die der Personenbeförderung. Die erste Eisenbahnlinie konnte sich auch nur als Aktiengesellschaft behaupten, da hier ein Erfolg durch die hohe Frequentation dieser Strecke gewiss war. Jedoch war diese als Aktiengesellschaft gegründete Eisenbahnstrecke ein solcher finanzieller Erfolg, so dass sie in kürzester Zeit vielfache Nachahmung fand. Noch im selben Jahr wurden weitere, längere Strecken eröffnet, die auch alle als Aktiengesellschaften unglaubliche Erfolge hatten. Mit einer Rendite von bis zu 20 % und enormen Zinsgewinnen wurden diese Aktiengesellschaften mit zu den größten Spekulationsgeschäften des 19. Jahrhunderts. Diese ersten Eisenbahnstrecken, die bis zum Jahr 1840 nicht mehr als 460 Streckenkilometern ausmachten, bedeuteten, da sich mit ihnen die aufregenden Aktien- und Dividendensteigerungen wiederholten, die Initialzündung für die zahlreichen, nachfolgenden Bauprojekte, die in kürzester Zeit ein wahres Eisenbahnfieber hervorriefen (Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Band 2, S. 617).
Die Aktiengesellschaften dominierten also bei der Errichtung von Eisenbahnstrecken. In diesen Gesellschaften fanden sich Bankiers, Fabrikanten, Händler und Großunternehmer zusammen. Ihnen ging es nicht nur um den unmittelbaren Profit in Form von Dividenden. Die Rentabilität einer Linie erfüllt sich für sie auch dadurch, dass die ansässigen Handelsbetriebe, Manufakturen und entstehenden Fabriken, die ihnen gehörten, oder an denen sie beteiligt waren, durch den Anschluss an das neue Transportsystem bessere Produktions- und Absatzbedingungen bekamen und die Gefahr der Umgehung „ihrer“ Städte vermieden werden konnte.
Bei vielen Regierungen verursachte dies zwangsläufig ein starkes Misstrauen gegenüber der neuen Unternehmungsform der Aktiengesellschaft. Man befürchtete, aus dieser schwer zu kontrollierenden Assoziation des Kapitals könne Macht und Einfluss des Besitzbürgertums zu einer Art Nebenregiment im Staate erwachsen.
Der Staat war jedoch auch in mehrerer Art und Weise mit dem Eisenbahnbau verbunden. Einerseits mussten für den Bau einer Strecke als auch für die Gründung einer Aktiengesellschaft Konzessionen eingeholt werden, andererseits war der Staat oftmals vor die Frage gestellt, ob er sich an der Bahn durch Zeichnung eines Teils der Aktien beteiligen sollte, oder sie gar als „Staatsbahn“ selber begründen sollte. In Preußen kam eine gesetzliche Regelung dieser Probleme erst sehr spät. Mit dem am 3.11.1838 erlassenen preußischen Eisenbahngesetz (Gesetz über die Eisenbahnunternehmungen) legalisierte der Staat sein Interesse an einem eigenen Eisenbahnnetz. Insbesondere das Einspruchsrecht des Staates hinsichtlich der Linienführung und das Recht des Staates zum Erwerb der konzessionierten Privatbahnen gegen Entschädigung nach 30 Jahren zeigen die Einflussnahme des Staates auf das Eisenbahnwesen zu Beginn der Industrialisierung.
Die Eisenbahnarbeiter – Existenz am Rande
In vielen Darstellungen werden über den vielen technischen, wirtschaftlichen und politischen Fakten diejenigen, welche die Linien im eigentlichen Sinne „gebaut“ haben, oft übersehen. Der arbeitsintensive und eine hohe körperliche Anstrengung erfordernde Eisenbahnbau bot sicherlich vielen durch den raschen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel in ihrer Existenz bedrohten Menschen eine vorübergehende Beschäftigung. Es waren dies oft Taglöhner, Dienstboten, Landarbeiter oder nicht mehr konkurrenzfähige Handwerker. Am Niederrhein verdingten sich insbesondere viele der Massenarmut anheimgefallenen Spinner und Weber beim Eisenbahnbau. Sie blieben zunächst in ihren Dörfern wohnen und nahmen z. T. auch weitere Entfernungen zur Baustelle in Kauf.
Die Tätigkeiten der Eisenbahnarbeiter waren äußerst mühselig und kräftezehrend. Einzelne Arbeitsschritte wurden erst im Verlauf des Jahrhunderts mit Maschinen durchgeführt, anfangs überwog die Handarbeit. Beim Unterbau galt es zunächst, mit einfachsten Geräten wie Pickeln, Hacken und Schaufeln die Erdformationen auf der geplanten Trasse abzulösen.
Das Untergraben von Böschungen zur schnelleren Erdgewinnung war offiziell verboten, aber unter dem Diktat der Zeit dennoch praktiziert, führt es öfter zu Erdeinstürzen, bei denen Arbeiter zuweilen schwer verletzt wurden. Auch Felssprengungen verursachten manches Unglück. Für Durchstiche und Dämme mussten mit Schubkarren, Trollwägen und Fuhrwerken gewaltige Erdmassen über weite Strecken bewegt werden. Der Bahndamm wurde schichtenweise aufgeschüttet und sorgfältig eingestampft, damit er sich gleichmäßig setzte. Zum Oberbau gehörte die Schaffung des Schienenbetts, das Legen der hölzernen Querschwellen und die Befestigung der Schienen.
Erste Planungen einer Eisenbahnverbindung mit Holland
Bereits im Jahre 1843, als erste Pläne für eine
grenzüberschreitende Eisenbahnverbindung von Köln nach Amsterdam
bekannt wurden, begannen "Cöln-Crefelder-Eisenbahn-Comitee" sowie
die Städte Kleve, Nijmegen und Hertogenbosch sich um eine linksrheinische
Verbindung zwischen Preußen und den Niederlanden zu bemühen.
Einen Ausschluss des unteren Niederrheins lag nicht in der Absicht des „Cöln-Crefelder-Eisenbahn-Comitees“, zumal eine Verbindung mit Holland für den Welthandel mit Köln und Rotterdam und mit London zu wichtig war. Die Verbindung mit Holland nördlich von Krefeld sollte zunächst über zwei Linien hergestellt werden, durch eine Trasse von Krefeld über Kempen nach Venlo und eine zweite von Krefeld über Kempen nach Geldern – Kleve – Nijmegen nach Venlo.
Kempen hatte damit berechtigte Aussichten, Eisenbahnknotenpunkt zu werden. Die
Linie über Kleve sollte den Niederrhein bis in die äußerste
Nordspitze und in fast gleicher Entfernung zwischen Rhein und Maas
erschließen. Die Gemeinden zwischen Krefeld und Kleve waren 1846 auf einer
Versammlung in Krefeld zusammengekommen und richteten am 17.3.1846 eine Eingabe
an das Finanzministerium in Berlin, um die landesherrliche Genehmigung für
den Bau einer Eisenbahn Köln – Neuss – Krefeld – Kempen
– Geldern – Kleve mit Anschluss nach Nijmegen in Holland zu erhalten
und eine zweite Hollandverbindung von Kempen nach Venlo zu bauen. Bereits am
5.4.1846 kam aus Berlin die Antwort, dass über das Projekt vorerst noch
nicht entschieden werde.
Vermutlich aus überwiegend strategischen Erwägungen lehnte die
Preußische Regierung den Bau der Eisenbahn westlich des Rheins ab. Damit
waren die ersten Vorstöße fehlgeschlagen. Dessen ungeachtet begann man
in den folgenden Jahren vorbeugend mit der Vermessung einer Strecke Krefeld
– Kleve, und auch im Süden – zwischen Köln und Krefeld,
begannen erste Vorarbeiten. In Köln gab es jedoch unterschiedliche Meinungen
über die künftige Linienführung. Einige Komiteemitglieder wollten
die Bahn über Neuss nach Krefeld, andere bevorzugten eine Verbindung nach
Holland über Gladbach und Venlo. Letztlich wurden jedoch alle Anträge
auf Gründung einer Eisenbahngesellschaft vom preußischen
Handelsministerium abgelehnt.
Die politischen Wirren des folgenden Jahres taten ein Übriges, die Planungen in den Amtsstuben ruhen zu lassen.
Die ersten Eisenbahnen am Niederrhein
Im Jahre 1843 erhielt die Cöln-Mindener Eisenbahngesellschaft von der preußischen
Regierung die Genehmigung zum Bau einer Eisenbahn von Köln über
Duisburg nach Minden.
In den Jahren 1846/47 erhielten Duisburg und Oberhausen an der Strecke Köln
– Minden ihren ersten Anschluss an das deutsche Eisenbahnnetz.
Stammstrecke der Cöln-Mindener Eisenbahngesellschaft
Eine Zweigbahn von Oberhausen nach Ruhrort war bereits im Bauplan der Köln-Mindener
Eisenbahngesellschaft vorgesehen, um als Ergänzung zur Ruhrschifffahrt die
Kohle zum Rhein zu transportieren. Als Ruhrort die finanziellen Bedingungen der
Eisenbahngesellschaft nicht erfüllen konnte, sprangen die örtlichen
Handelskammern und einige Gewerbebetriebe ein, indem sie zunächst
unentgeltliche Kokslieferungen zusagten. So erhielt die Gemeinde 1847 doch noch
ihren Bahnanschluss.
Duisburg
ließen die linksrheinischen Eisenbahnpläne nicht ruhen. Die Stadt warb
in Krefeld und Uerdingen eifrig darum, Ausgangspunkt einer neuen Bahn zu werden.
Duisburg war jedoch kein Erfolg beschieden. Ruhrort seinerseits konnte seine
bisherige Stellung im Verkehr über Rhein und Ruhr noch zusätzlich
stärken. Damit waren letztlich die Voraussetzungen an das sich ausbreitende
rechtsrheinische Eisenbahnnetz gegeben.
Ruhrort gegenüber - in Homberg,
war man ebenfalls sehr rege. Im März 1844 vereinbarten die Städte
Krefeld und Ruhrort sowie die Kreise Gladbach, Kempen und Geldern die
Gründung der Ruhrort-Krefeld-Kreis Gladbacher Eisenbahngesellschaft
(RCKGE). Der Streckenverlauf der geplanten Eisenbahn steht bis auf einige
Details von Beginn an fest: Es soll eine Bahn von Uerdingen nach Viersen in
gerader Richtung erbaut werden. (Der Wunsch der Süchtelner nach
Anschluss an diese Strecke wird im Februar 1847 abschlägig
beschieden.)
Alle kreisangehörigen Gemeinden wurden aufgefordert, ihren Transportbedarf
zu melden. So hatte z.B. die Gemeinde Lobberich ihren jährlichen
Transportbedarf auf 1.100 Raummetern (= 20.000 Scheffel) Steinkohle, 1.210 Raummeter Kalk, 71,5 Raummeter
(= 1.300 Scheffel) Mergel, 660 Raummeter (= 12.000 Scheffel)
Salz – zu beziehen aus Venlo -, 500 Raummeter (= 10.000 Scheffel)
Bauholz – zu erwerben aus der näheren Umgebung – und 880
Raummeter (= 16.000 Scheffel) Eisen – zu beziehen aus Oberhausen,
Gemünd bei Düren und dem Bergischen Land –
veranschlagt und der Eisenbahngesellschaft mitgeteilt.
Die Vermessungsarbeiten in Viersen beginnen Anfang 1847.
Bei Baubeginn der Eisenbahnstrecke von Homberg über Krefeld nach
Mönchengladbach zeigten sich zum ersten Mal die Schwierigkeiten, die sich
beim Bau des neuen Verkehrsmittels in den nächsten Jahrzehnten in vielen
Gemeinden und Städten des Niederrheins ergaben:
In den von der Eisenbahnlinie berührten Landstrichen gab es unter der
Bevölkerung eine lebhafte Diskussion. Während viele Menschen darin den
Anbruch einer neuen Zeit sahen und für ihren Ort einen Bahnanschluss
forderten, erhoben vor allem Bauern Einspruch gegen die Durchschneidung ihrer
Felder und verlangten zumindest genügend Übergänge für ihre
Fuhrwerke. Es kam oft zu langen und schwierigen Verhandlungen mit den
Eigentümern, die entweder nicht verkaufen wollten oder eine Chance sahen,
durch überhöhte Preise schnell reich zu werden. Nicht gerade selten
beschwerten sich die Bahngesellschaften bei den Ordnungsbehörden, weil
aufgestellte Richtungspfähle ausgerissen und versetzt worden waren. Obwohl
die Düsseldorfer Provinzregierung die Anwendung von Zwangsenteignungen
zuließ, kamen die Arbeiten oft nur schleppend voran. Die Bahngesellschaften
versuchten die Gemüter schließlich auch damit zu beruhigen, indem
Erdarbeiten und Holzlieferungen öffentlich ausgeschrieben wurden und viele
Arbeitslose beim Bahnbau Beschäftigung fanden.
So bietet die RCKGE der Gemeinde Viersen an, die Erdarbeiten in der Gemeinde
Viersen in der ganzen Strecke bis einschließlich dem dortigen Bahnhof
sofort in Verding zu geben, wenn die Eigenthümer sich zur Abtretung des
erforderlichen Terrains bereit erklären (StaV, Viersen 1848).
Inzwischen schrieb man das Jahr 1848. Seit Mitte der 40iger Jahre hatte sich die
wirtschaftliche und soziale Lage der Menschen drastisch verschlechtert. Allein im
Krefelder Raum mussten 3.000 von 8.000 Webstühlen stillgelegt werden und
16.000 Menschen wurden arbeitslos. Auch in anderen Städten des Kreises waren
hohe Arbeitslosenzahlen, insbesondere in der Textilindustrie zu verzeichnen. In
Lobberich leitete die bekannte Firma Heithausen ihren
Konkurs ein, was von der „Arbeitslosigkeit der Weber und der
unerschwinglichen Teuerung begleitet war“.
Um die Notlage der beschäftigungslosen Handweber zu dämpfen, wurden
öffentliche Notstandsarbeiten ausgeschrieben. Berlin überwies 175.000
Taler als Darlehn für Kaufleute und Fabrikanten, um im Regierungsbezirk
Düsseldorf die Beschäftigung zu beleben.
Einzelne Fabrikanten ließen Lebensmittel wie Brot, Kartoffel und
Hülsenfrüchte zu billigeren Preisen für ihre Arbeitnehmer kommen.
Geringe Löhne und unmenschliche Arbeitsbedingungen gerade auch auf den
Eisenbahnbaustellen hatten schon früher in anderen Teilen Deutschlands zu
Unruhen und Streiks geführt. Nun war der politische Funke von Frankreich
kommend auf ganz Deutschland übergeschlagen. Im März brach in Berlin
die Revolution offen aus.
Die Bauarbeiten an der Eisenbahnlinie gingen offensichtlich schleppend voran.
Gleich zu Beginn verzögern sie sich durch den vergleichsweise einfachen
Umstand, dass in Viersen keine Handkarren zu beschaffen sind und diese bei der
Bahngesellschaft geliehen werden müssen. Um den engen Kostenrahmen nicht zu
sprengen, beschäftigt die Gemeinde weniger Tagelöhner, als es für
den raschen Fortschritt der Arbeiten nötig gewesen wäre. Als im
Dezember Frost einsetzt, stocken die Arbeiten ganz. Die Direktion muss am
2.2.1849 damit drohen, die Arbeiten auf Kosten der Gemeinde zu Ende zu bringen.
Der Gemeinde bleibt nun nichts anderes übrig, als im Rahmen ihrer
finanziellen Möglichkeiten die restlichen Arbeiten öffentlich
auszuschreiben. Der Unternehmer Heinrich Holzhausen übernimmt den
Subunternehmer-Auftrag. Während der dann forcierten Bauarbeiten werden
einige wichtige Änderungen von der Bauleitung verlangt (ungenügende
Höhe des Bahndamms). Die dadurch verursachten Mehrkosten und der Streit
um deren Bezahlung verzögern die Bauarbeiten erneut. Doch endlich ist es
dann soweit: Am 5. Oktober 1849 kann die offizielle Eröffnung der Teilstrecke Homberg – Viersen gefeiert werden.
Die Viersen – Venloer Eisenbahnstrecke
Bei keiner anderen Bahnverbindung ist das Bemühen einzelner
Gebietskörperschaften, einander zu blockieren, so ausführlich belegbar,
wie bei der Verbindung mit dem holländischen Eisenbahnnetz bei Venlo.
Am Niederrhein hoffen nämlich die großen Städte Krefeld, Viersen
und Dülken, aber auch kleine Gemeinden wie Kempen, Süchteln, Lobberich,
Grefrath, Boisheim, Breyell, Anlieger einer Verbindungslinie Düsseldorf
– Krefeld – Venlo, Köln – Krefeld – Venlo oder
Köln – Gladbach – Venlo zu werden. Sie wird das wichtigste Glied
der internationalen Strecke vom einzigen eisfreien Nordseehafen Vlissingen in
Holland nach Preußen. Dies weiß natürlich auch der aus
Dülken stammende Kaufmann und junge Präsident der Rheinischen Eisenbahn
Gesellschaft, Gustav Mevissen.
Gustav Mevissen (*1815 +1899)
Auf seine und des Oberpräsidenten der Rheinprovinz, Franz-August
Eichmann, Anregung treffen sich am 19. November 1845 Interessenten
für eine Linie Köln – Gladbach – Venlo. Eine Gesellschaft
„Niederrhein-Nordsee-Verbindungsbahn“ wird 1846
gegründet, scheitert jedoch am Konkurrenzkampf zwischen Köln und dem
Regierungssitz Düsseldorf. Die Kölner verlangen nämlich zeitgleich
die Verbindung Köln-Neuss-Krefeld, was die Stadt zum Verkehrsmittelpunkt
gemacht hätte. Die Regierung in Düsseldorf bevorzugt wohl auch deswegen
eine Linie Düsseldorf – Krefeld – Venlo und schlägt
darüberhinaus eine Zweigbahn von Viersen über Süchteln bis Paas
(nördlich von Hinsbeck) vor, wo diese in die Hauptbahn
einmünden könnte. Als Vermittler zwischen den interessierten Gemeinden
und Komitees bestellt man den Viersener Kaufmann und Geheimen Kommerzienrat
Diergardt.
1846 geht mit dem Wissen um die Düsseldorfer Wünsche das
„Comite der projectierten Viersen-Dülken-Venloer
Eisenbahn“ in die Offensive. Zunächst wird im Januar die
Zeichnung von Aktien angeboten, im Februar die Verlängerung des Projektes
über Rheydt nach Köln vorgeschlagen, und schließlich vereinigt
sich dieses Komitee.
Für diese neue Bahn wurden zwei Trassen ins Auge gefasst. Die eine lief von
Viersen über Dülken, Boisheim, Breyell/Lobberich, nach Kaldenkirchen
und die andere führte über Süchteln, Grefrath und Louisenburg nach
Venlo. Für beide Linien wurden von den betroffenen Gemeinden und
Städten ein Eisenbahnkomitee gegründet, das in Denkschriften und
Eingaben an die mit dem Projekt befassten Behörden (Eisenbahnkommission
in Köln, Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten
in Berlin, Regierungspräsident in Düsseldorf, Oberpräsident in
Koblenz) die wirtschaftlichen Vorteile „ihrer“ Strecke
herauszustellen suchte. Während dieses Wettstreits wurde so gut es ging mit
Zahlen manipuliert und der Gegenseite Überschätzung, Irrtümer und
Unwahrheiten vorgeworfen. Die an einem Eisenbahnprojekt interessierten Gemeinden
und Städte mussten auch finanzielle Beiträge leisten.
Vom bautechnischen gesehen hatte die Süchtelner Trasse jedoch den Vorteil,
dass sie über den Damm des zwischen 1808 und 1810 unter Napoleon gebauten
Nordkanals führte, der jedoch nie fertiggestellt worden war. Die Arbeiten
wurden 1810 abgebrochen, allerdings waren die Erdarbeiten auf weiten Strecken
fertiggestellt, insbesondere der Abschnitt zwischen Sittard und Grefrath, sowie
teilweise zwischen Grefrath und der Nette. Da es sich um Staatseigentum handelte,
waren hier auch die Grunderwerbskosten gering. Die Dülkener Strecke dagegen
hatte den Vorteil, dass sie mehrere Orte direkt an die Bahn anschloss.
Berlin zögert die Entscheidung über den Streckenverlauf hinaus. Es
dauert bis 1851/52, ehe neue Impulse für die Verbindung zur Nordsee kommen.
Vor allem Vertreter der Gladbach-Venloer-Linie setzen sich mit Eingaben und
Denkschriften für den Bahnbau ein. Die RCKGE (nun unter dem Dach der
vereinigten Aachen-Düsseldorfer-Ruhrorter-Eisenbahn) beantragt 1851
beim Handelsminister die Konzession zum Bau der Bahn, deren Erteilung dieser aber
von der Effektivität des laufenden Betriebes abhängig macht. Die
Handelskammer Gladbach setzt sich in ihrem Jahresbericht 1852 für die
verlangte Konzession ein und schreibt: Zur Befriedigung der diesseitigen
Bedürfnisse ist jetzt vorab die Verbindung mit Venlo, unserem die
transatlantischen Beziehungen hauptsächlich vermittelnden Maashafen
herzustellen. Ein Jahr später wird die Wichtigkeit des Venloer Hafens
für den Kreis Gladbach in Beziehung zu den Bestrebungen Krefelds gesetzt:
Venlo ist der Hafen des Gladbacher Fabrik-Distrikts; 9/10 seiner Rheederei
sind für denselben und nicht 1/10 ist für Kempen, Geldern, Straelen und
das Clevische befrachtet. Geldern, Goch, Cleve haben niedriger gelegene Maasorte
und verkehren bedeutend mit Venlo.
Am 18. 9. 1853 besucht der Düsseldorfer Regierungspräsident die
konkurrierenden Viersen-Venloer-Linien und lässt sich vor allem den Verlauf
der Dülkener Linie ausführlich darstellen.
Die nachstehende Karte verdeutlicht die verschiedenen Möglichkeiten für
den Verlauf der Strecke Gladbach-Venlo, wie sie sich zu Beginn des Jahres 1861
darstellten. Von Gladbach als gerade Linie über Dülken und Boisheim
führend, erkennt man die Planung der Gladbacher Komitees von 1861,
fußend auf einer Denkschrift von 1853. Die die „Viersener
Strecke“ sehr ungünstig darstellende und sehr
unmaßstäbliche Zeichnung verdeutlicht die z. T. zweifelhaften
Methoden, mit denen damals um die Erlangung von Vorteilen gestritten wurde. So
ist die Nordkanal-Alternative, die Viersen in seiner Bedeutung gestärkt
hätte, hier einfach weggelassen worden.
Die Auseinandersetzung um die Verbindung mit Venlo spielt sich nun
hauptsächlich zwischen Dülken und Süchteln ab. Die Bahnlinie des
schon erwähnten Viersen-Dülkener-Komitees soll von Viersen aus kommend
über Dülken, Boisheim, Breyell, Kaldenkirchen nach Venlo führen.
In den Komitees befinden sich vor allem Kaufleute und Beamte der von der
Bahnlinie berührten Kommunen. Das sind beim Nordkanal-Projekt z.B. die
Bürgermeister von Süchteln, Grefrath und Wachtendonk, aber auch die
Landräte der Kreise Kempen und Gladbach sowie der Bürgermeister
Rottländer aus Gladbach. Viersener waren in beiden Komitees vertreten,
so halten die Viersener zwei Eisen im Feuer. Ihnen ist es letztlich egal, welche
Linie den Zuschlag erhält. Wichtig ist für sie nur, dass Viersen
Ausgangspunkt der Strecke nach Venlo bleibt.
1856 wird die Aachen-Düsseldorf-Ruhrorter-Eisenbahngesellschaft
(ADREG) von der Regierung beauftragt, die Realisierung der Strecke in die Hand zu
nehmen. In einem Schreiben an die betroffenen Gemeinderäte vom 26.5.1856
skizziert die ADREG die Bedingungen zur Herbeiführung einer Lösung, wie
sie ihr vorschweben:
a) vollständige und unbedingte
unentgeltliche Überweisung des
Bauterrains
b) baldige lebhafte
Betheiligung bei der
Actienzeichnung
c) aktive Hilfe
bei der Werbung von privaten Anteilzeichnern.
Süchteln will die Grundstücke unentgeltlich besorgen, die
Kosten der Erdarbeiten auf seinem Gebiet tragen und darüber hinaus 16.000
Taler zur Verfügung stellen für die Fall, dass die künftige
Eisenbahn die Stadt Süchteln berührt und eine Haltstelle dort angelegt
wird.
Viersen reagiert nur zögernd; Schwierigkeiten mit dem Streckenverlauf in den
Niederlanden und eine allgemeine Finanzkrise drängen nicht zum
Handeln.
Durch diese Unentschlossenheit, gepaart mir dem vermeintlichen Wissen, man sei
auf jeden Fall Nutznießer der neuen Bahn, gerät Viersen 1860 in
Bedrängnis. Am 22. August 1860, vier Tage nach dem Erlass eines
niederländischen Gesetzes, das unter anderem den Ausbau der Strecken
Vlissingen–Roosendaal und Breda-Venlo festsetzt, wird das bis dahin kaum
beachtete Gladbacher Komitee aktiv.
Am 22.8.1860 ist in einer Verhandlungsniederschrift zu lesen:
Verhandlung über das Project „Ausbau einer Eisenbahn von Venlo
über Kaldenkirchen, Dülken nach Gladbach“
Teilnehmer: Bürgermeister Rottländer, Justizrath Pauls, Fabrikbesitzer
Lamberzt, Kaufmann Printzen, Kaufmann Quack, Kaufmann Pferdmenges, Kaufmann
Kloeter, Kaufmann Pauen – aus Gladbach;
Kaufmann Kauertz, Kaufmann Ziellehsen und Kaufmann Symons aus Kaldenkirchen,
Bürgermeister Doergens, Kaufmann Specken, Kaufmann Vogelsang und Kaufmann
Hoffmanns aus Dülken
Es wurde beschlossen, den Ausbau einer Eisenbahn von Venlo über
Kaldenkirchen, Breyell/Lobberich, Dülken und Viersen nach Gladbach in der
auf einer vorliegenden vom Geometer Terharst aufgenommenen Karte angegebenen
Richtung einmündend bei Hellenabrunn in die Ruhrort-Crefeld-Creis Gladbacher
Bahn zu beantragen.
Um zur Durchführung dieses Projektes zu gelangen, soll das Comite die
gutscheinenden Schritte vornehmen; besonders wird vorgeschlagen, sich mit
folgenden Orten und Gesellschaften in Verbindung zu setzen: Venlo, Kaldenkirchen,
Breyell, Lobberich, Dülken, Viersen und Gladbach, der Direction der
Aachen-Düsseldorfer Bahn, dem Comite des Düsseldorfer
Brückenbauers, der Direction der Bergisch-Märkischen Bahn und
baldmöglichst eine Deputation nach Venlo zu senden, um der Handelskammer und
dem Gemeinderath oder dem Eisenbahn-Comite daselbst Kenntnis von dieser heutigen
Verhandlung zu geben, um diese für das fragliche Project zu gewinnen zu
sichern.
Weiterhin wird vorgeschlagen, dass die staatliche Regierung den Ausbau durch
zinsgarantierte Stammaktien übernehmen, resp. Die Bahn als Verlängerung
der Ruhrort-Crefelder – resp. Aachen – Düsseldorfer Bahn gelte
und aufgenommen werde.
Es sollte darüber hinaus in Erwägung gezogen werden, ob die
holländische Regierung zur Betheiligung an dem Project – wie solches
bereits durch die belgische Regierung bei der Rheinischen Eisenbahn geschehen,
angegangen werden solle.
Zur Begründung der Zweckmäßigkeit der Bahnlinie wird
u. a. angeführt:
Die Länge der Bahn beträgt nur ab Preußische Grenze bis zur
Einmündung in die Ruhrorter Bahn bei Hellenabrunn 5.280 Ruthen = 2 3/5
Meilen und ist danach die Kürzeste und nach dem Terrain die
zweckmäßigste und für die Rentabilität die günstigste
Linie.
Eine Abschrift der Verhandlungsniederschrift geht am Tag darauf bei
den vorgenannten Institutionen und Kommunen ein, so auch bei
Bürgermeister Kessels in Lobberich, der diese dem
Gemeinderatsmitglied und Fabrikbesitzer Victor de Ball zur Kenntnisnahme
übersendet.
Im Mai 1861 liegt die entsprechende sachliche Denkschrift, die von
Kreisbaumeister Lange angefertigt wurde vor. Auf der Sitzung des
Gladbach-Viersen-Dülken-Venloer Eisenbahn-Komites vom 8.5.1861 in
Dülken (Teilnehmer: Bürgermeister Rottländer, die Kaufleute
Lambertz, Printzen, Pferdmenges, Quack und Kreisbaumeister Lange aus Gladbach,
Bürgermeister Doergens und die Kaufleute Bücklern, Specken, Vogelsang
und Hoffmanns aus Dülken, Bürgermeister Kessels und Kaufmann de Ball
aus Lobberich sowie Kaufmann Kauerz aus Kaldenkirchen) wurde der Entwurf der
Denkschrift geprüft und nach eingehender Prüfung und Würdigung
folgendes beschlossen:
Druck der Denkschrift mit den Unterschriften sämtlicher Comite-Mitglieder in
500 Exemplaren nebst Anfertigung einer lithografischen Karte und die Verteilung
derselben an Personen und Stellen und betroffenen Ministerien
-
Landrat Schubarth und Kreisbaumeister Lange zu bitten, als Deputation die
nötigen Exemplare persönlich dem Minister zu
überreichen
-
Beitragsfestsetzung für Kosten:
Gladbach 100 Thaler
Dülken 65 Thaler
Lobberich 25 Thaler
Breyell 25 Thaler
Kaldenkirchen 25 Thaler
Der Lobbericher Gemeinderath lehnt den zu zahlenden Zuschuss von 25 Thalern am
17.5.1861 ab, was den Gladbacher Bürgermeister Rottländer
Veranlassung gibt am 4.7.1861 ein Ersuchen an den Lobbericher Bürgermeister
Kessels zu schicken: Ich bitte Sie um Mittheilung, ob nicht der
Gemeinderatsbeschluß wegen der „großen Sache“ noch einmal
zu überdenken ist.
Dies geschieht interessanter Weise jedoch nicht und die Gemeinde Lobberich wird
von der Streckenführung ausgeschlossen.
Am 13. 4.1863 gründet sich schließlich für die besagte Linie die
Preußisch-Niederländische Verbindungsbahn, die am 21. August die
Konzessionen (durch allerhöchste Cabinets-Order) zum Bau der
Strecken (Gladbach-) Viersen-Venlo und Venlo – Kempen zum Anschluss an die
Krefeld-Nijmegener Linie erhält.
Am 29. Januar 1866 wird der Verkehr auf der Strecke aufgenommen, die von Viersen
bis Dülken im Prinzip die heute noch vorhandene Linienführung hat. Die
gesamte Bahn wird zwischen Viersen und Kaldenkirchen eingleisig ausgeführt;
zur Weiterführung nach Gladbach wird parallel zur schon bestehenden Strecke
der Ruhrort-Crefeld-Kreis Gladbacher Eisenbahn ein eigenes Gleis
gelegt.
Die Linie Kempen – Kaldenkirchen -
Venlo
Das „Cöln-Crefelder-Eisenbahn-Comitee“ brachte mit einem zweiten
Gesuch vom 12.7.1852 den ersten Antrag aus 1846 in empfehlender Erinnerung, da
die rege Tätigkeit für eine Konkurrenzlinie
Köln-Neuss-Mönchengladbach-Viersen-Dülken-Venlo auf der Westseite
und einer weiteren Linie Homberg-Moers-Xanten-Kalkar-Kleve auf der Ostseite, zur
Eile antrieb. Vor allem barg die Verbindung mit Holland über Viersen
gefährliche Vorteile in sich: Die Strecke war nämlich erheblich
kürzer, die Baukosten konnten durch Benutzung des von Napoleon erbauten
Nordkanals von Viersen bis Luisenburg auf ein Drittel gesenkt werden und das
Kanalgelände war Staatseigentum. Diese Gefährdung des eigenen
Niederrhein-Projektes konnte eine rückläufige Entwicklung für die
Kreise Kempen, Geldern und Kleve bedeuten.
Eine erneute Versammlung des „Köln-Krefelder-Komitees“ mit den
Abgeordneten der drei Kreise brachte am 9.3.1853 in Geldern eine Zusammenfassung
aller wirtschaftlichen und staatspolitischen Gesichtspunkte. Diese Denkschrift
konnte jedoch erst nach Beseitigung unvorhergesehener Schwierigkeiten am
3.10.1853 an den königlichen Handelsminister von der Heydt nach Berlin
weitergegeben werden. Sie hatte Erfolg. Am 5.12.1853 wurde durch
„Allerhöchsten Erlass“ die landesherrliche Genehmigung zum Bau
der Linie Köln – Neuss – Krefeld – Geldern – Kleve
mit Anschluss nach Nijmegen erteilt. Kempen war nicht genannt und damit seine
Berührung in Frage gestellt, was umso niederschmetternder war, als
ursprünglich ja zwei Linien nach Holland über Kempen laufen
sollten.Anschluss an das Eisenbahnnetz zu finden, war aber für Kempen als
Kreisstadt eine Prestigefrage, als wirtschaftlicher Mittelpunkt einer Vielzahl
von Landgemeinden eine Lebensfrage.
Es dauerte nicht lange, bis sich für Kempen aus der Unterlassung einer
entsprechenden Eingabe bei der Staatsregierung eine kritische Situation ergab:
Hüls, das bislang als Landgemeinde bescheiden im zweiten Glied gestanden
hatte, witterte seine Chance und bewarb sich in einer Eingabe an die Rheinische
Eisenbahngesellschaft – die Nachfolgerin des
„Köln-Krefelder-Komitees“ um Berücksichtigung. Die
Hülser machten ihren Antrag schmackhaft mit dem Hinweis, dass eine
Linienführung von Hüls nach Aldekerk eine halbe Meile (3,750 km)
kürzer sei als über Kempen, auch würde von dem kostspieligeren
Bruchgelände des Aldekerker Bruchs von Kempen aus in seiner vollen Breite
durchschnitten werden müsste.
Die Vorteile würden die Baukosten über Hüls um 89 800 Taler
senken. Nach vielen Streitereien, „faulen Kompromissvorschlägen“
und Anhörungen die zu nichts führten, nahmen die Kempener das Recht zur
Selbsthilfe war. Es wurde beschlossen, zumal man anderenorts mit dem Bahnbau
begonnen hatte, eine Deputation zu unmittelbaren Verhandlungen mit dem
Königlichen Handelsminister von der Heydt nach Berlin zu senden. Zwei Tage
nach deren Eintreffen drahteten die beiden Abgesandten Dr. Kauerz und Francken
das denkwürdige Telegramm aus Berlin: „Soeben erklärte der
Minister von der Heydt, der König habe die Linie über Kempen
genehmigt.“ Ein wichtiger Sieg war errungen und in der Thomasstadt war
eitel Freude. Bereits am 31.5.1862 wurde auch in Kempen mit dem Bahnbau begonnen.
Die feierliche Übergabe für den öffentlichen Verkehr erfolgte am
5.3.1863. In den ersten Monaten verkehrten täglich vier Züge in beide
Richtungen.
Nachdem der Bau der Crefeld-Nymegen Eisenbahn über Kempen feststand, war
für die Orte Grefrath und Lobberich das Project einer Eisenbahnverbindung
von Kempen nach Venlo mit Anschluss an die holländische Staatsbahn von
erheblicher Bedeutung geworden.
Die niederländische Staatsregierung hatte der englischen Gesellschaft Robert
Sharpe and Sons in Westminster die Konzession für die Linien von Breda und
Utrecht nach Venlo erteilt und einen Anschluss an die niederrheinischen
Eisenbahnen gutgeheißen. Diese Gesellschaft plante nun ebenfalls eine
Verbindung von Venlo über Kempen nach Krefeld und hatte Anfang 1959 die
Strecke vermessen und vor dem Kuhtor in Kempen einen Platz für den Bahnhof
abgesteckt. Die gleichzeitigen Pläne der Rheinischen Eisenbahngesellschaft, den internationalen Verkehr von
Köln über Mönchengladbach – Viersen – Dülken nach
Venlo zu leiten, vereitelten den englischen Plan.
Die Bahnlinie Krefeld – Kempen – Nymwegen war von der Rheinischen
Eisenbahngesellschaft geplant und gebaut worden. Die Strecke Kempen – Venlo
sollte von der Gesellschaft gebaut werden, die schon die Bahnlinie Viersen
– Dülken – Venlo plante, finanzierte und baute: die
Aktiengesellschaft der Preußisch-Niederländischen Verbindungsbahn.
Diese schlug zunächst eine Trasse vor, die weit nördlich am Dorf
Grefrath vorbei, nämlich an der Paas vorbeiführen sollte. Dies konnte
nicht im Sinne Grefraths und der anderen betroffenen Gemeinden sein und so suchte
Grefraths Bürgermeister Spickenheuer „Verbündete“.
Am 12.5.1862 sandte er ein Schreiben an den Lobbericher Bürgermeister
Kessels: Nachdem der Bau der Crefeld-Nymegen Eisenbahn über Kempen nunmehr
feststeht, ist das Project einer Eisenbahnverbindung mit Venlo mit Anschluß
an die holländische Staatsbahn in den Vordergrund getreten und ist man
allseitig sehr bemüht, diese Verbindungsbahn zu erhalten. Für die
Dülkener Linie ist bereits eine Deputation nach Berlin abgegangen und
für die Nordkanallinie wird dieselbe morgen dorthin abreisen. Es bleibt noch
zweifelhaft, welche Linie den Sieg davon tragen wird, da das Ergebnis für
die Dülkener Richtung von nachhaltigem Einfluß für die
Nordkanallinie ist.
Um indessen den Einwand der Konkurrenzlinie Dülken zu beseitigen ist nunmehr
gefordert, die Nordkanallinie nur bis Grefrath zu benutzen und von da die
Ortschaften Hinsbeck, Lobberich, Breyell und Kaldenkirchen möglichst zu
streifen, wonach Lobberich beinah ¼ Meile von der etwa im Sassenfeld zu
machenden Station entfernt wäre.
Gleichzeitig tritt aber auch das Project von Kempen über Grefrath in
derselben Richtung wie angedeutet hervor, wofür Oberbaurath Hartwig sich
positiv geäußert haben soll. Ew. Wohlgeboren wollen hieraus gefl.
Entnehmen, welch großes Interesse auch für Lobberich besteht und
ersuche Sie daher dringend, ungesäumt eine Petition an den Geh.
Staatsminister für Finanzen v. d. Heydt abgehen zu lassen, dahin lautend,
einer Eisenbahnverbindung mit Venlo im Anschluß an die holländische
Staatsbahn einer der beiden Richtungen von Viersen über den Nordkanal oder
von Kempen über Grefrath die Genehmigung erteilen zu wollen.
Mitte der 1860er-Jahre standen letztlich drei verschiedene Streckenführungen
der späteren Bahnlinie zur Überlegung. Die Variante A sollte an den
Krickenbecker Seen vorbeigeführt werden. Nach Variante B plante man eine
Streckenführung an der Grefrather Dorenburg vorbei Richtung Hinsbeck und
südöstlich an Leuth vorbei nach Kaldenkirchen.
Am 14. März 1864 schlossen Preußen und die Niederlande einen Staatsvertrag, indessen Artikel 1 es heißt: Beide Regierungen erklären sich gegenseitig bereit, die Herstellung einer Eisenbahn zu fördern, welche von Venlo nach der beiderseitigen Landesgrenze führen und sich auf Preußischem Gebiete in zwei Arme theilen soll, von denen sich der eine über Dülken nach Viersen, der andere nach Kempen auf dem direkten Wege, welchen die örtlichen Verhältnisse gestatten werden, erstrecken wird.
Die Gesellschaft der Preußisch-Niederländischen Verbindungsbahn hielt zunächst an der Trasse über Paas (Variante B) fest, weil sie am wenigsten Geländeschwierigkeiten bot und die Formulierung auf direktem Wege in Art. 1. des Staatsvertrages diese Trasse nahe legte. Die Bahnlinie sollte geraden Weges von Kempen auf Paas zu und weiter über die Trasse des Nordkanals geführt werden, später vom Nordkanal abschwenken nach Südwesten an den Krickenbecker Seen vorbei und südlich um Leuth herum. Für diese Strecke sprachen in erster Linie die geringen Baukosten, da sie durch ebenes Gelände führte und zum Teil die Trasse des Nordkanals benutzen konnte.
Die von Grefrath und Lobberich verlangte Trasse musste bei Milbeck über eine Höhe geführt werden. Die Eisenbahngesellschaft wehrte sich vehement gegen die erheblichen Mehrkosten, die beim Bau der Anrampungen und des tiefen Einschnittes entstehen mussten. Die Gemeinden verlangten jedoch diese kostspieligere Trasse, damit die wirtschaftlichen Vorteile einer Bahn von den Bürgern und Gewerbetreibenden besser genutzt werden konnten. So schrieb der Lobbericher Bürgermeister Kessels an die Wirklichen Gemeinen Staatsminister und Minister für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten Herrn Grafen von Itzenplitz in Berlin u.a.:
"Eine Bahn von Venlo nach Kempen (ohne Einbindung der betroffenen Gemeinden) kann in keiner Weise dem lokalen Verkehr Rechnung tragen, sie wird, mag sie nun von Venlo oder von Kaldenkirchen ausgehen, keinen einzigen Zwischenort von irgendeiner Bedeutung berühren, sondern einen unfruchtbaren und wenig bevölkerten Landstrich durchschneiden. Diese Bahn wird daher nur diejenige Bedeutung haben, welche sie überhaupt für die holländischen Interessen wünschenswert macht, nämlich die durch internationalem durchgehenden Verkehr von Holland nach dem Ruhr-Kohlen-Gebiet."
Es gab jedoch auch noch andere Argumentationen gegen die von der Eisenbahngesellschaft abgesteckten Route:
"Der bei weitem größere Theil der direct berührten Anwohner dieser Linie C besteht aus Webern mit einer Gesamtzahl von 5000 Webstühlen; dieselben liefern bekanntlich das größte Contingent zum Personenverkehr, da sie nicht in geschlossenen Räumen arbeiten, sondern die Rohstoffe in den Städten abholen und die Fabrikate dort abliefern, so daß jede Werkstätte wöchentlich den Weg machen muß. Die Mehrzahl dieser Arbeiter von Kaldenkirchen ab, arbeitet für Crefeld, Kempen, Gefrath, Lobberich sowie für Süchteln und Viersen. Wie ihnen eine Bahn mit gelegenen Stationen ein Bedürfnis ist, so unterhalten sie selbst den lebhaftesten Verkehr mit ihr“.
Außerdem wurde in der Denkschrift auf Kempen als Kreisstadt und Kaldenkirchen als Hauptzollamt und die Notariate, Friedens- und Polizeigerichte des Bezirks hingewiesen, die nun leichter zu erreichen seien. Außerdem beziehe man aus Venlo für alle Bauten der Umgebung Steine, Werkstücke, Platten und Dachziegel sowie Kalk, Guano, Farbhölzer, Baumwolle und Colonialwaren.
Die Eisenbahngesellschaft weigerte sich jedoch weiter, auf diese für den örtlichen Verkehr sinnvollste Linie einzugehen. Die Kosten für die Überwindung der Anhöhe zwischen Lobberich und Grefrath waren ihr zu hoch. Dies zeigt wieder einmal mehr, dass die privaten Gesellschaften in erster Linie Verbindungen zwischen großen Städten anstrebten, die auch international genutzt werden konnten und daher gewinnträchtiger erschienen.
Die Eingaben und Denkschriften hatten erst Erfolg, nachdem die Rheinische Eisenbahngesellschaft – wie beschrieben – die Konzession übernahm. Da die Gesellschaft bereits zwei Jahre zuvor die Linie von Krefeld über Kempen nach Kleve in Betrieb genommen hatte, war ihr an dieser weiteren günstigen Verbindung nach Holland sehr gelegen.
In einem Bericht der Handelskammer zu Neuss ist zu lesen: Wichtiger als die rheinische Bahn (die Strecke Cleve – Nymwegen) und die von ihr durchlaufenden Gebiete dürfte sich jedoch der Anschluss an das holländische Bahnnetz herausstellen, welchen die rheinische Bahn durch Übernahme der Strecke Venlo – Kempen von der preußisch – Niederländischen Verbindungsbahn erworben hat. Sollte Venlo, wenn das holländische Bahnsystem seiner Vollendung entgegengeführt ist und diese Stadt mir Rotterdam und Vlyssingen in direkter Verbindung steht, einen großen Theil des Verkehrs der holländischen Seehäfen nach Süddeutschland an sich ziehen, wie vielfach behauptet wird, so würde die rheinische Bahn vermöge ihrer Rheinlinie bis Bingerbrück wohl der Art situiert sein, um die größere Hälfte der Transporte auf Venlo – Kempen in Concurenz mit Viersen – Venlo hinüberzulenken.
Dem Comité für die Eisenbahnlinie Kaldenkirchen – Kempen in Richtung südlich von Grefrath gehörten Herren aus den Ortschaften Oedt, Mühlhausen, Grefrath, Lobberich und Kempen an. Bürgermeister Spickenheuer in Grefrath oblag die Geschäftsführung. Für die Gemeinde Oedt gehörte Bürgermeister Mooren dem Comité an. Für die Gemeinde Lobberich trat der Nachfolger des im September 1864 verstorbenen Johann Heinrich Kessels (Rittergutsbesitzer des Hauses Ingenhoven und Ritter des Roten Adlerordens vierter Klasse) Maximilian Winkelmann (Rittergutsbesitzer des Hauses Traar bei Krefeld, 1860 Bürgermeister von Brüggen und Born) in das Comite ein.
Am 20. Juli 1864 erfolgte die Grundsteinlegung für das neue Lobbericher Rathaus. Am Ende der Urkunde heisst es: „…. Und der ganze Ort sieht der frohen Hoffnung entgegen, daß er bald druch den gegenwärtig in Angriff genommenen Ausbau einer Eisenbahn von Venlo nach Viersen und von Venlo nach Kempen mit der übrigen Welt in eine leichte Verbindung treten wird. Hier ging es um die Teilnahme an der seinerzeit „hochmodernen, die Welt erschließenden Verkehrsmittel Eisenbahn und speziell um Anschlüsse an die seit 1863 durchgängig existierende Linie Nijmegen-Köln.
Bürgermeister Winkelmann schrieb im Auftrag des Gemeinderates an den Wirklichen Gemeinen Staatsminister und Minister für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten, Herrn Grafen von Itzenplitz in Berlin:
Nachdem durch die allerhöchste Cabinetts-Order vom 21. August 1863 die Genehmigung zum Bau einer Eisenbahn von Viersen über Dülken bis zur preußisch-niederländischen Grenze bei Venlo ertheilt worden und mit dem Bau dieser Linie bereits begonnen worden ist und jetzt ein Anschluß der Krefeld-Clever Eisenbahn geplant wurde, beziehen wir uns auf das Statut der Aktiengesellschaft der Preußisch-Niederländischen Verbindungsbahn, dass die Gesellschaft verpflichtet worden ist, auf Verlangen des Staates eine Eisenbahn von der Königlich Preußischen Grenze bei Venlo nach Kempen bauen zu lassen.
Eine Bahn von Venlo nach Kempen ohne Einbindung der betroffenen Gemeinden kann in keiner Weise dem lokalen Verkehr Rechnung tragen, sie wird, mag sie nun von Venlo oder von Kaldenkirchen ausgehen, keinen einzigen Zwischenort von irgendeiner Bedeutung berühren, sondern einen unfruchtbaren und wenig bevölkerten Landstrich durchschneiden. Diese Bahn wird daher nur für diejenigen Bedeutung haben, welche sie überhaupt für die holländischen Interessen wünschenswert macht, nämlich die durch internationalen durchgehenden Verkehr von Holland nach dem Ruhr-Kohlen-Gebiete.
Im September 1864 werden erneut die Probleme der Streckenführung Grefrath – Lobberich seitens der Bahngesellschaft in die Verhandlungen eingebracht und die betroffenen Gemeinden zu einer Verhandlung in den Kempener Bahnhof eingeladen.
Die Aktiengesellschaft der Preußisch-Niederländischen Verbindungsbahn verkaufte in der ersten Jahreshälfte 1865 alle Rechte für den Bau und Betrieb einer Eisenbahn zwischen der Landesgrenze bei Venlo und Kempen an die Rheinische Eisenbahngesellschaft und übertrug damit auch alle Rechte und Pflichten eines Unternehmer- und Bauvertrages mit Herrn Pontus Kleman und dem Handlungshaus Hinde & Gladstone in London (Gesetzessammlung für die Königlich Preußischen Staaten 1865, S. 912 ff.). Letztlich fiel die Entscheidung über den Bau der Eisenbahnlinie Kempen – Venlo Ende 1865, und zwar in Richtung südlich an Grefrath vorbei.
Nach Festlegung der Trasse rief man die Gemeinden zur finanziellen Beteiligung auf.
Auf Bestreben von Bürgermeister Winkelmann waren – mit ihm – 31 Lobbericher Bürger – bereit, 2000 Thaler für den Bahnbau zur Verfügung zu stellen, sie verpflichteten sich am 28. Februar 1866 mit einer entsprechenden Erklärung:
|
1 |
Niedieck-Schölvink |
Fabrikinhaber |
750 Th |
|
2 |
Mommers, Theodor |
Fabrikant |
250 Th |
|
3 |
J.L. de Ball & Nachf. |
Fabrikant |
250 Th |
|
4 |
Kessels, Mathias |
Gast- und Schankwirt |
100 Th |
|
5 |
Schmitter, Tillmann |
Gutsbesitzer |
50 Th |
|
6 |
Krins, Heinrich |
Pfarrer |
50 Th |
|
7 |
Schieffer, |
Arzt |
50 Th |
|
8 |
Gartz, Eduard |
Gutsbesitzer |
50 Th |
|
9 |
Döhmer, Johann Wilhelm |
Notar |
50 Th |
|
10 |
Sarter, Johann |
Apotheker |
50 Th |
|
11 |
Huenges, Jacob |
Schankwirt |
50 Th |
|
12 |
Färvers, Arnold |
Schankwirt |
60 Th |
|
13 |
Heythausen, Heinrich |
Gastwirt |
25 Th |
|
14 |
Gartz, Gebrüder |
Ackerer |
25 Th |
|
15 |
Boetzkes, W. |
Handelsmann |
15 Th |
|
16 |
van der Upwich, Hermann |
Fabrikant |
12 Th |
|
17 |
de Ball, Victor |
Gutsbesitzer |
12 Th |
|
18 |
Thielen, Conrad |
Gutsbesitzer |
12 Th |
|
19 |
Bäumges, Heinrich |
Ackerer |
12 Th |
|
20 |
Dohmes, Egidius |
Schankwirt |
10 Th |
|
21 |
Hoeren, Johann |
Riethmacher |
10 Th |
|
22 |
Brackelsmann, Martin |
Schmied |
10 Th |
|
23 |
Koenigs, Wilhelm |
Ackerer |
10 Th |
|
24 |
Koenigs, Nicolas |
Ackerer |
10 Th |
|
25 |
Schoenkes, Peter Mathias |
Ackerer und Schankwirt |
10 Th |
|
26 |
Meertz, Paul |
Schreiner |
5 Th |
|
27 |
Schuren, Hermann |
Schreiner |
5 Th |
|
28 |
Hasencox, Peter Johann |
Anstreicher und Kleinhändler |
5 Th |
|
29 |
Wienen, Wienand |
Gerber |
5 Th |
|
30 |
Winkels, Mathias |
|
5 Th |
|
31 |
Winkelmann, Max |
Bürgermeister |
50 Th |
|
|
|
|
2000 T |
Daraufhin beschloss der Lobbericher Gemeinderat am 3. März 1866:
Nachdem der Vorsitzende die Mittheilung gemacht, daß die Rheinische
Eisenbahn Gesellschaft sich nicht abgeneigt zeige, die von Kempen nach Venlo
führende Bahn über Lobberich auszubauen und es jetzt darauf ankomme,
inwiefern für diese seitens der Gemeinde wie Betroffene (Bürger) an den
Tag gelegt wurde, beschließt der Gemeinderat in Anerkennung des
großen Werthes, den die Nähe einer Eisenbahnstation für die
hiesige Gemeinde hat, wie dies bereits durch die Zusicherung von 2.000 Thaler aus
freiwilligen Beiträgen bekundet worden für den Ausbau der
Eisenbahnlinie von Kempen – Lobberich – Kaldenkirchen 4.000 Thaler
aus Gemeindemitteln zu bewilligen und bei der Eröffnung der Bahn an die
Direction der Rheinischen Eisenbahn Gesellschaft auszuzahlen für den Fall
und unter der Bedingung, daß die Gesellschaft die Eisenbahnlinie in keiner
größeren Entfernung an dem Orte Lobberich vorbeiführt, als
dieselbe zuletzt von den Geometern Fiedler und Schmitz am 23. 2. d. J. abgesteckt
worden ist, und daß der Theil des Bahnhofes resp. der Haltestelle mit dem
Stationsgebäude angelegt wird und zwar zwischen demjenigen Wege, welcher von
der St. Nicolas Kapelle zu Lobberich aus direct druch einen Hohlweg nach Hinsbeck
führt und dem nach der Bauerschaft Oirlich führenden Heggespoaler
Wege.
Skizze aus Kreisarchiv
Darüber hinaus beantragte der Gemeinderat, den Bahnhof resp. Haltestelle um
25 Ruthen in Richtung des Ortes zu verschieben. Dies erfolgte sicherlich in
erster Linie im Interesse der ortsansässigen Firmen. Zwangsläufig war
dies in den Augen der Rheinischen Eisenbahn Gesellschaft zu teuer, so
äußerte sie sich am 20. März 1866 mit einem Schreiben an
Bürgermeister Winkelmann:
Hinsichtlich der in Anregung gebrachten Verschiebung des Bahnhofes nach
Lobberich zu um 25 Ruthen bemerken wir folgendes ergebenst: Diese Verlegung
würde nicht nur die Curven viel ungünstiger gestalten, sondern auch die
Linie um 40 Ruthen verlängern. Ferner würde dieselbe die Beseitigung
des dort vorhandenen Waldes bedingen, dessen Taxierung jedenfalls nicht gering
ausfallen würde. Auch die Rodungskosten würden sich sehr erheblich
gestalten. Die Gesamtkosten der Ausführung an der dort gewünschten
Stelle würden die des diesseitigen Projectes um mehr als 4.000 Thaler
übersteigen, dieser Betrag mithin in keinem Verhältnis zu dem Gewinne
von ca 100 Schritt geringerer Entfernung des Bahnhofes vom Orte
stehen.
Letztlich wurde der Antrag seitens der Bahngesellschaft abgelehnt.
Auch in Mühlhausen/Oedt kamen einige Tausend Thaler zusammen:
Auf der Zeichnungsliste von Oedt erscheint an erster Stelle die Gemeinde Oedt mit
4000 Thalern, danach die Gebr. Holtz mit 1000, M. Girmes mit
200, P Mertes mit 200 und 12 weitere Bürger mit zusammen 3000
Thalern. Diese Zeichnungsliste enthält aber einen Vorbehalt: Die
Zeichnungen werden jedoch nur unter dem ausdrücklichen Bedinge getroffen,
dass die früher projectierte Linie südlich Oedt festgehalten, der
anzulegende Bahnhof nicht über fünf Minuten vom Orte Oedt entfernt
angelegt und das hierin nicht gehörige Nordkanal Bahn Project in der
Richtung Süchteln – Grefrath mit dem gegenwärtigen nicht
verbunden werde. Die Worte und das hierhin nicht gehörige bis
nicht verbunden werde sind gestrichen worden; darunter steht der Vermerk
(gestrichen auf Ers. D. Direction).
Bürgermeister Mooren ließ sich viel Zeit, bei der
Aufsichtsbehörde die Genehmigung des Gemeinderatsbeschlusses über die
Zeichnung der Aktien durch die Gemeinde Oedt zu beantragen. Er zahlte den Preis
für die Aktien auch nicht eher, als der Bau der Eisenbahnstrecke
Süchteln – Oedt – Kempen in Angriff genommen wurde, und ihm
gefiel nicht, dass die Stadt Viersen lebhaft eine Verbindung mit der
erhofften Paris – Hamburger Bahn über den Nordcanal Grefrath und
Straelen beantragte, die Nachbargemeinde Grefrath also Anschluss an eine
zweite Bahnlinie, ja sogar eine Kreuzung von Eisenbahnstrecken erhalten sollte
und das bei der Opferwilligkeit der Gemeinde Grefrath für die Bahnlinie
Kempen – Kaldenkirchen und dem Bahnhof in Grefrath.
Nur der Gemeinderat von Grefrath wollte zunächst nichts zahlen.
Dies hing damit zusammen, schreibt A. Breil in seinem Aufsatz über
die Eisenbahn in Grefrath, dass bereits seit Jahren ein nicht unerheblicher Teil
der Bürger die nördliche Strecke befürwortet hatte. Daraufhin
veranstaltete Bürgermeister Spickenheuer eine
Unterschriftensammlung, die erfolgreich verlief und den Gemeinderat dazu
veranlasste, 1.500 Thaler zu bewilligen. Die Mehrheit war allerdings nur zustande
gekommen, weil die Stimme des Bürgermeisters Ausschlag gegeben hatte. Dies
sollte noch ein Nachspiel haben, da ein Ratsmitglied zwar für einen Bahnhof
aber gegen eine finanzielle Beteiligung war. Trotz dieser nun etwas unsicheren
Rechtslage hoben jedoch der Regierungspräsident in Düsseldorf und der
Oberpräsident in Koblenz den Beschluss nicht auf.
Am 06. Juli 1866 kommt es schließlich zu dem notariellen Vertrag zwischen der Bürgermeisterei Lobberich und der Direction der Rheinischen Eisenbahngesellschaft zu Cöln hinsichtlich der Bau der Eisenbahnlinie auf Lobbericher Gebiet, wie dies bereits im Gemeinderat beschlossen wurde.
Mit dem Abraum des Schlibecker Berges, der durchquert werden musste, schuf man
den Damm durch den Wittsee. Damals waren "italienische Hilfsarbeiter"
mit den Erdarbeiten beschäftigt, wie Paul Brocher,
zwischen 1920 und 1950 Leiter des Hauptamtes der Gemeinde Lobberich, in einem
Bericht festgehalten hat. "Die Bewohner der umliegenden Dörfer machten
sonntags gerne ihre Ausflüge dorthin, um die gewaltigen Erdarbeiten mit den
fremdländischen Arbeitern zu besichtigen", hat er festgehalten. Der
Durchstich war schließlich im November 1867 geschafft. So notierte das
Kempener Kreisblatt am 31. November unter der Ortsmarke Grefrath: "Am
verflossenen Dienstag ist die ungeheure Erdmasse des Lobbericher Berges
vollständig durchstochen und dadurch der letzte Rest der Bahnstrecke
Kempen-Venlo fertig gestellt worden. Die Schienen sind gelegt und man ist in der
Lage, den ersten Eisenbahnzug von Kempen nach Venlo ablassen zu
können."
Hatte das "Kreisblatt", damals die einzige Zeitung mit lokalen
Nachrichten in dieser Gegend, noch am 30. November vermutet, dass nach der
polizeilichen Abnahme der Bahnstrecke am 10. Dezember der Personenverkehr
"definitiv" am 15. Dezember aufgenommen werde, so dauerte es dann doch
noch bis zum 1. Januar, ehe der Zugverkehr offiziell aufgenommen wurde. Denn erst
am 19. Dezember befuhr eine Lokomotive die Strecke von Kempen nach Kaldenkirchen.
Während Kempener Ortshistoriker den ersten Zug "vielbejubelt und
beifällig begrüßt" von Kempen nach Kaldenkirchen fahren
lassen, hat Brocher den ersten Zug von Kaldenkirchren nach Kempen laufen
lassen; ihm entstiegen in Lobberich sieben Reisende.
Die Eisenbahnlinie Kaldenkirchen – Kempen wurde am 1.1.1868 als Strecke der
BME (Bergisch Märkischen Eisenbahn; gegründet am
18.10.1843 in Elberfeld) mit Sitz in Elberfeld in Betrieb genommen.
Am 4. Januar 1868 gab die Rheinische Eisenbahngesellschaft im Kreisblatt den
Fahrplan für die Strecke bekannt: morgens um 7.09 Uhr ab Venlo, 7.40 Uhr ab
Kaldenkirchen, 7.50 Uhr ab Lobberich, 8.03 Uhr ab Grefrath, Ankunft Kempen 8.15
Uhr; weitere Züge fuhren um 11.54 Uhr und nachmittags um 4.19 Uhr. Die
Fahrzeit betrug 66 Minuten - wegen der Zollabfertigung in Kaldenkirchen. Ab
Kempen fuhr der Zug um morgens um 9 Uhr, nachmittags um 3.15 Uhr und abends um
7.20 Uhr; da brauchte er nur 39 Minuten, weil dann in Venlo abgefertigt
wurde.
Zunächst gab es nur Bahnhöfe in Kaldenkirchen, Lobberich
(urspünglich auf Hinsbecker Terrain) und Grefrath und Kempen.
Gleich zu Beginn suchte die Rheinische Bahngesellschaft Pächter für die
Bahnhofs-Restauration in Lobberich und Grefrath (Anzeige im "Kreisblatt" vom
11. Januar 1868).
Da diese Linie statt von Norden vom Süden her in den Kempener Bahnhof
eingeführt wurde, war stets ein Lokwechsel erforderlich, was einen
durchgehenden Verkehr zwischen Krefeld und Venlo sehr erschwerte. Im Normalfall
fuhr der Kaldenkirchener Zug in ein Stumpfgleis (heute
Fahrradabstellplatz) ein. Einen unvergessenen Höhepunkt in der
Geschichte dieses Gleises verursachte ein durstiger Lokführer, der Ende der
20er Jahre seinen Zug erst im Wartesaal des Kempener Bahnhofs zum Stehen brachte.
Daraufhin baute die Bahnverwaltung zur Sicherheit einen Scherenprellbock und
zusätzlich einen gemauerten Prellbock ein.
Johann Finken schrieb in seinem Buch „Geschichte der ehemaligen
Herrlichkeit Lobberich“:
Vom Anfange dieses Jahrhunderts bis zum Jahre 1860 blieb die Einwohnerzahl
der Gemeinde Lobberich so ziemlich dieselbe. Als aber um diese Zeit die
Seiden-Industrie ihren Einzug in die Gemeinde hielt, da wurde aus dem
bescheidenen Dorfe in wenigen Jahren ein schmuckes Landstädtchen und die
Wohnhäuser und Fabriken schossen wie Pilze aus der Erde – wozu auch
der Bau der Eisenbahn im Jahre 1868 wesentlich beitrug, in dem er eine neue
Straße, die Bahnstraße, entstehen ließ. 1860 zählte
Lobberich 3.373 Einwohner, 1865 3.614, 1870 4.460 und 1875 5.016 Einwohner.
Besonders strukturverändernd wirkte sich die Eisenbahn für Ortschaften
aus, die bisher nur von der Landwirtschaft lebten, wie etwa Lobberich, Hinsbeck,
Oedt u.a.. In der Grenzstadt Kaldenkirchen verdrängte die Tabak- und
Tonindustrie allmählich die Weberei. Die günstige Verbindung zum
Rohtabakeinfuhrland Holland war hier sicherlich entscheidend.
Durch die Fertigstellung der Eisenbahnlinie Kempen-Venlo war letztlich auch
Lobberich verkehrsgünstig angebunden. Vom Standortvorteil profitierten am
ehesten vermutlich das mit Vorbedacht am Hinsbecker Weg angesiedelte neue Werk
der Fa. J.L. de Ball & Cie. Nachf., in dem 1869 die Produktion
aufgenommen wurde. Ansonsten hatten die Fuhren der großen Firmen von
Süchtelner Straße/Sittard und der oberen Breyeller Straße einen
nicht unerheblichen Anfahrtsweg. Für manche Produkte der Firma
Niedieck dürfte sich auch eine Auslieferung über den Bahnhof
Breyell empfohlen haben. Für Güter wie für Personen galt es,
die zum Teil unwegsame Distanz zu überwinden. So lässt der
Fuhrunternehmer Jacob Föhles an der Ecke Markt und Hochstraße
einen Güter-Anmelde-Kasten anbringen. Dieser wurde täglich dreimal vor
jeder Abfahrt der Bahn geleert.
Ab 1874 fuhr morgens gegen 9 Uhr auch ein Schnellzug von Vlissingen nach
Köln über diese Strecke, der hier aber nicht hielt. Lobberichs
Gemeindeväter bemühten sich ab 1880, diesen Zug in der
"Seenstadt" halten zu lassen. Das aber wurde abgelehnt; auch in
späteren Jahren hatten entsprechende Anträge keinen Erfolg.
Am 25. Januar 1882 kam es beim Rangieren eines Güterzuges im Kaldenkirchener
Bahnhof zu einem Unfall, als ein Arbeiter so unglücklich zwischen die Puffer
zweier Wagen kam, dass er noch an der Unglücksstelle verstarb.
Im Oktober 1885 errichtet Norbert Bruns eine Hauderei (=
Transportunternehmen dessen Fuhrpark aus Kutschen bestand. Der Betreiber wurde
Hauderer genannt) einrichtet – der Standort der Kutsche war das
Hotel Kessels (jetzt Hotel Stadt Lobberich) an der
Hochstraße. In seiner Anzeige in der „Rhein und Maas“
fügt er hinzu, dass er probeweise mit seinem Gefährt die Ankunft eines
jeden Zuges erwartet. Die Reisenden, die vielleicht mit Gepäck im
Lobbericher Norden standen, dürften die etwa 30 Pfennige für die
bequeme Reise gerne geopfert haben. Diesen Fahrpreis pro Person nahm Bruns auch
für Sonderfahrten, die er anlässlich der Breyeller Kirmes im Sommer
1887 von der Gaststätte Rütten unternahm („Rhein und Maas v.
4.6.1887).
Die Fahrtdauer von Kempen bis Kaldenkirchen betrug 45, von Kempen bis Venlo 50
Minuten. Dem Sommerfahrplan 1892 (gültig ab 1. Mai 1892) ist zu entnehmen,
dass sich die Abfahrtszeiten nur unwesentlich verändert haben und weiterhin
in jede Richtung je sechs mal ein Zug abfährt. Im Sommerfahrplan 1893 kommt
täglich eine siebte Fahrgelegenheit hinzu.
Was den Transport vom und zum Lobbericher Bahnhof angeht, so dürfte er
für alle Fuhrunternehmer in Lobberich und Umgebung von zunehmendem Interesse
gewesen sein. Verfolgt man die Anzeigen in der „Rhein und
Maas“ in den Jahren 1886 bis 1892, werden außer
Föhles und Bruns noch Jos. Reifges, W.
Sanders, J.M. Feikes, Hubert Plönes, Anton
Faes, Wwe Wilhelm Pauw und Wilhelm Wirtz genannt.
Durch die neue Eisenbahnlinie sind jedoch nicht alle Transportprobleme gelöst. Daher bleiben alte Furhmannsrouten weiter erhalten, neue werden eingerichtet. Jacob Föhles leert montags und donnerstags abends um 9 Uhr den Anmeldekasten, lädt auf und fährt in der Nacht nach Krefeld, Hubert Plönes fährt dienstags und donnerstags. 1884 fährt Franz Heinrich Hammes aus Viersen dienstags und freitags die Strecke Viersen-Lobberich-Breyell-Boisheim-Dülken-Viersen und nimmt Gepäck auf bei Wwe. E. Dohmes, Markt und J. P. Schmitz, gegenüber der Niedieckschen Fabrik auf der Breyeller Straße.
Schon 1873 bedient Johann Mathias Feikes von der Kirchhofstraße an jedem Dienstag und Freitag die Strecke Lobberich-Krefeld. Johannes Vandeburg fährt an jedem Donnerstag von Hinsbeck nach Viersen und nimmt bei van Krüchten auf der Hochstraße Güter auf.
Wwe Dellen beziehungsweise Carl Dellen aus Viersen fahren über Jahre mittwochs, später auch freitags die Strecken Veirsen-Dülken-Lobberich und Lobberich-Boisheim-Dülken-Viersen-Gladbach-Rheydt, mit drei Stationen in Lobberich. Der Viersener Peter Steffens kündigt die Runde Viersen-Dülken-Boisheim-Breyell-Lobberich-Süchteln fü 1890 an und vermerkt, dass von Viersen täglich ein Fuhrwerk nach Krefeld und Gladbach gehe. Das bedeutet für seine Kunden, dass durch Umladen die Fracht am zweiten Tage auch an diesen Zielen ist.
Erstmalig ab 1. Oktober 1893 wurden Bahnsteigsperren, die von Bahnsteigschaffnern besetzt waren, eingeführt. Die Kontrolle und Entwertung der Fahrkarten sollte nicht mehr vom Fahrpersonal durchgeführt werden. Das war verständlich, wenn man bedenkt, dass zu der damaligen Zeit noch Abteilwagen eingesetzt wurden, in die der Schaffner nur durch die außerhalb der Wagen angebrachten Trittbretter gelangen konnte.
Die meisten Bahnhöfe besaßen, wie die Kirchen, über dem
Eingangsbereich eine Bahnhofsuhr an der der Reisende die gültige Zeit
ablesen konnte. Im Gegensatz zu heute, gab es vor 150 Jahren eine andere Uhrzeit.
Erst ab dem 1. April 1893 wurde nicht mehr die Berliner Zeit, sondern die MEZ
(Mitteleuropäische Zeiteinteilung) gewählt. Die Berliner Zeit
ergab sich aus der Zuzählung von sechs Minuten zur Greenwicher
Zeiteinteilung. Ab 1. Mai 1927 wurde die 24-Stundenzählung
eingeführt.
Im Jahr 1894 schrieb die Generaloberin der Schwestern Unserer lieben Frau
(Kloster Mühlhausen) an die Eisenbahndirektion in Köln und bat
um die Errichtung einer Haltestelle in Mühlhausen, weil das dortige
Mutterhaus viele Filialen besitze sowie ein Pensionat mit 130 Zöglingen. Der
Bürgermeister von Oedt unterstützte das Gesuch und stellte einen
Baukostenzuschuss in Aussicht, wenn der Bahnhof den Namen Mühlhausen-Oedt
erhalten würde. Die Eisenbahndirektion forderte aber die Übernahme der
Gesamtkosten in Höhe von 2.765 Mark. Oedt zahlte davon 750 Mark und die
Schwestern den „Rest“ von 2.015 Mark. Auf Anordnung der
Eisenbahnverwaltung wurde der Bahnhof dann aber auch Mühlhausen-Oedt genannt
und am 1. Oktober 1896 für den Personenverkehr freigegeben.
Die Friedensjahre vor dem 1. Weltkrieg waren für die deuschen Eisenbahnen auch in wirtschaftlichem Sinne "goldene Jahre". Sie erreichten, von keinem Konkurrenten des Landverkehrs bedrängt, in dem Jahrfünft 1885 - 1890 ihr betriebswirtschaftliches Optimum. Im Jahre 1900 erwirtschaftete die preußische Staatsbahn immerhin 6,8 % ihres Anlagekapitals.
Eine noch bedeutendere Rolle als 1870/71 spielten die Eisenbahnen im 1. Weltkrieg. Zwar fehlte angesichts der separatistischen Eisenbahnpolitik einzelner Länder eine zentrale Organisation des deutschen Eisenbahnwesens, dieses Handikap machte sich jedoch zunächst nicht bemerkbar. Erst als sich im Wintedr 1916/17 Koordinationsschwierigkeiten ergaben, errichtete die Oberste Heeresleitung die sogenannte Kriegsbetriebsleitung, das wasr die erste einheitliche Betriebsführung aller Eisenbahnen im Deutschen Reich.
Am 31. Juli 1914 wurde Deutschland in den Kriegszustand versetzt. Dies geschah
auch in Lobberich durch die Bekanntmachung des kommandierenden Generals des
VIII. Armeekorps. Deutschland folgte dem Beispiel der
benachbarten Länder Holland, Belgien und Frankreich und hatte alle
Rheinbrücken und sämtliche Bahnhofe an der westlichen Grenze besetzt.
Auf Anweisung des Kaisers, so eine weitere Bekanntmachung „sind gegen
alle Personen, die bei einem Anschlag gegen die Eisenbahnen auf frischer Tat
ertappt werden, auf der Stelle die schärfsten Executionsmaßregeln
anzuwenden. Alle irgendwie Verdächtigen sind sofort festzunehmen.
Militärische Nutzung: Deutscher Truppentransport 1914
Die Verkehrsverhältnisse auf den Eisenbahnen erfuhren, wie an allen Orten
Deutschlands, zu Anfang des Krieges auch in Lobberich eine vollständige
Lahmlegung. Sofort nach Ausbruch des Krieges wurde der Zugverkehr gesperrt und
der gesamte Personen- und Güterverkehr eingestellt. Sämtliche
Eisenbahnzüge und die Bahnen dienten ausschließlich zur
Beförderung von Truppen und Kriegsmaterial. Hierdurch trat eine große
Stockung ein und viele Reisenden mussten unterwegs ihr Ziel aufgeben und in Wagen
oder Autos die Heimreise antreten. Um dem Reiseverkehr wenigstens in etwa gerecht
zu werden, war die Eisenbahnverwaltung bemüht, einige Schnellzüge
fahren zu lassen. Es verkehrte lange Zeit hindurch zwischen Kempen –
Lobberich – Kaldenkirchen nur morgens und abends ein Personenzug. Da
lernten die Leute wieder marschieren, denn andere Transportmittel standen nur
Wenigen zur Verfügung. Allmählich regelte sich der Zugverkehr wieder
günstiger und es wurden auch wieder Güterzüge, wenn auch nur in
sehr beschränktem Maße, eingelegt. Den Angehörigen der
Verwundeten und erkrankten Krieger wurden die weitgehendsten
Reisevergünstigungen gewährt.
Weil Mangel an männlichem Eisenbahnpersonal bestand, wurde weibliches
Personal eingestellt. So sah man an Fahrkartenschaltern, auf Bahnhöfen, an
und in den Eisenbahnzügen sowie auch auf den Straßenbahnen
Schaffnerinnen in Uniform ihres Amtes walten.
Im Juli 1915 wurde eine Bahnsteigsperre für diejenigen, die keinen amtlichen
Ausweis über ihre Person besaßen, angeordnet. Auch für den
Lobbericher Bahnhof galt die Bahnsteigsperre für die Personen, die keinen
amtlichen Ausweis mit sich führten. Damit wurde allen, die sich nicht
einwandfrei ausweisen konnten, das Betreten des Bahnhofs verweigert.
In der Nacht vom 30. April zum 1. Mai 1916 wurde die Sommerzeit eingeführt.
Die Uhren wurden eine Stunde vorgestellt, so dass die Abendstunde von 11 bis 12
Uhr ausfiel. Diese Neuerung wurde eingeführt, um Geld und Beleuchtungsstoffe
zu sparen. Die Sommerzeit endete am 30. September 1916. Dieser Tag umfasste 25
Stunden.
Während im Jahre 1916 die Sommerzeit vom 1. Mai bis zum 30. September
dauerte, wurde sie im Jahre 1917 vom 15. April bis 17. September
durchgeführt. Sie begann am 16. April, vormittags 3 Uhr und endete am 17.
September, vormittags 2 Uhr. Am 18.10.1917 wurden die Fahrpreise für
Schnell- und Eilzüge verdoppelt, da sich inzwischen die Geldentwertung
bemerkbar machte.
Im November 1917 brachte der neue Fahrplan wesentliche Änderungen im
Zugverkehr. Für die Folge verkehrten auf der Strecke Kempen –
Lobberich – Kaldenkirchen nur zwei Zugpaare und zwar ab Kempen 6:29 h
vormittags und 7:42 h abends und ab Kaldenkirchen 7:21 h vormittags und 8:29 h
abends.
Am 10. April 1917 wurde folgende Verordnung vom kommandierenden General
erlassen:
Verordnung betreffend Verkehr im Bahngebiet
§ 1. Nur
Personen, die einen durch die Verordnung vom 10. April 1917, betreffend
Ausweiszwang im Grenzgebiet vorgeschriebenen oder zugelassenen Ausweis besitzen,
dürfen die Bahnhöfe in dem durch die gleiche Verordnung bezeichneten
Grenzstreifen des VII. U.K. betreten oder verlassen.
§ 2. Die
Bahnsteige innerhalb des Grenzstreifens zu betreten, ist dort nicht
beschäftigten Personen nur gestattet, wenn sie eine Fahrkarte oder einen
Fahrtausweis zum Zwecke der Ausführung einer Reise
besitzen.
§ 3. Die außerhalb des Grenzstreifens
gelegenen Bahnhöfe Borken, Bocholt, Rees, Emmerich, Cleve, Goch, Kevelaer,
Geldern und Lobberich zu betreten oder zu verlassen, ist nur solchen Personen
gestattet, die einen Paß, Paßersatz oder einen anderen von einer
deutschen Behörde ausgestellten Ausweis über ihre Persönlichkeit
besitzen. Der Ausweis muß mit einem Lichtbild des Inhabers, dessen
eigenhändiger Unterschrift, sowie mit einer amtlichen Bescheinigung
darüber versehen sein, daß der Inhaber tatsächlich die durch das
Lichtbild dargestellte Person ist und die Unterschrift eigenhändig vollzogen
ist.
§ 4. Die §§ 1 und 3 finden auf
Militärpersonen in Uniform keine Anwendung.
§ 5.
Zuwiderhandlungen gegen die Bestimmungen in § 1, 2 und 3 werden, sofern
nicht nach den allgemeinen Strafgesetzen eine höhere Strafe verwirkt ist,
mit Gefängnis bis zu einem Jahre, bei Vorliegen mildernder Umstände mit
Haft oder Geldstrafe bis zu 1.500 Mark bestraft. In gleicher Weise wird bestraft,
wer 1) mit einem gefälschten oder ihm nicht zustehenden Ausweis die in
dieser Verordnung bezeichneten Bahnhöfe betritt, b) seinen Ausweis einer
anderen Person zum Zwecke des Betretens dieser Bahnhöfe
überläßt. Der Versuch ist strafbar.
§ 6. Die
Verordnung tritt mit dem 1. Mai 1917 in Kraft.
Münster, den
10. April 1917
Im Juli 1918 wurde diese Verordnung auf verschiedene Bahnhöfe im
Grenzgebiet zu den Niederlanden, Belgien und Frankreich, so auch auf die
Bahnhöfe in Breyell, Boisheim, Schier und Amern in unserem Kreisgebiet
ausgedehnt.

Bahnhof Lobberich um 1915
Gleich nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 7. Dezember 1914 kamen die
ersten 110 Verwundeten vom westlichen Kriegsschauplatz (Flandern) mit
Lararettzüge auf dem Lobbericher Bahnhof an von wo aus die Verwundeten in
das Krankenhaus (70 Betten) und in dem Mitte September 1914 eingerichteten
Lazaretts in der Sassenfelder Schule (70 Betten)transportiert wurden. Im
September 1916 wurde die Zahl der Betten auf 180 erhöht. Mitte April 1918
wurde im „Klüttermannschen Saal“ – Hotel
Köster, Hochstraße (später durch eine V2
zerstört) noch ein Notlazarett von 100 Betten errichtet.
Nach Kriegsende erwuchsen den deutschen Eisenbahnen gewaltige Aufgaben durch den
Abtrasnport der Truppen von der Westfront. Zwangsläufig entstand dadurch die
Notwendigkeit, Reisen von Zivilpersonen auf das unbedingt erforderliche Maß
zu beschränken.
Am 20. November 1918 trat daher folgende Verordnung in Kraft:
„Gepäck und Expreßgut wird bis auf weiteres nicht
befördert. Militärgepäck unterliegt nicht dieser Sperre. Auch
können einzelne, für die Volksernährung besonder wichtige, leicht
verderblcihe Produkte, deren Beschaffenheit schnellste Beförderung
erfordert, z.B. Hefe, in dringenden Fällen weiterhin als Expreßgut
angenommen werden. Als Handgepäck darf von den Reisenden nur ein Stück
mitgeführt werden. Fahrkarten einschließlich Bahnsteig- und
Automatenkarten sind an Zivilpersonen nur bei Vorlage eines
Reise-Erlaubnisscheines zu verausgaben. Erlaubnisscheine dürfen nur in
folgenden Fällen ausgefertigt werden:
1.) Für die dringenden Berufsreisen im
allgemeinen, öffentlichen Interesse. Als solche gelten z.B. Riesen von und
nach den Stellen der Kriegs- oder Volkswirtschaft, wenn eine Anordnung oder
Einladung dieser Stellen vorliegt;
2.)
Für Reisen auf Grund behördlicher Ladungen und
Veranstaltungen;
3.) Für Reisen bei
Todesfällen oder schweren Erkrankungen der nächsten Angehörigen
(Eltern, Ehegatten, Geschwister und Kinder), was durch ärztliche, von der
Polizei beglaubigte Bescheinigung nachzuweisen ist. Von der Vorlage eines
Erlaubnisscheines zur Lösung von Fahrkarten sind befreit
a) Arbeiterverkehr auf Rückfahr- und Wochenkarten
b) Berufsverkehr auf Zeitkarten (einschließlich Schülerkarten)
c) Inhaber von Freikarten und Freifahrscheinen
Neue Arbeiter- und Zeitkarten sind nur gegen Abgabe der abgelaufenen Karten
zu verabfolgen. Diese sind daher nach Ablauf der Gültigkeit dem Inhaber
zwecks Vorlage bei der Lösung der neuen Karten zu belassen. An Reisende, die
bisher nicht im Besitze solcher Karten waren, dürfen keine Arbeiter- oder
Zeitkarten mehr verausgabt werden. Da bereits vor Veröffentlichung dieser
Einschränkungen abgelaufende Arbeiter-, Wochen- und Rückfahrkarten an
der Sperre abgegeben worden sind, wird für die Zeit vom 20. Bis 27. November
1918 nachgelassen, daß für die Ausgabe neuer Arbeiterkarten
während dieser Zeit die Vorlage des Ausweises zur Erlangung von
Arbeiterkarten genügt. Die Ausstellung des Reiseerlaubnisscheines erfolgt
durch die Polizeiverwaltung. Reisen nach dem rechtsrheinischen Gebiet sind nur
mit besonderem Ausweisschein gestattet. Der Ausweisschein kann nur bei besonderer
Dringlichkeit von der Polizeiverwaltung sowie durch die Zentralstelle des
Arbeiter- und Soldatenrates in M.Gladbach. Ausgenommen sind der Arbeiterverkehr
auf Rückfahr- und Wochenkarten und der Berufsverkehr auf Zeitkarten.
Der verlorene Krieg hatte auch im Eisenbahnwesen seine tiefen Spuren
hinterlassen. Die Betriebseinrichtungen waren in einem äußerst
desolaten Zustand. Einen negativen Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit der
deutschen Eisenbahnen hatte zudem die Personalinflation. Alle aus dem Krieg
heimkehrenden Eisenbahner, auch Kriegsversehrte, mussten wieder eingestellt
werden, auch wenn ihre Stelle längst anderweitig besetzt war. Dieser
Aufblähung des Personals um mehr als die Hälfte stand die Reduktion des
Verkehrsaufkommens auf 43 % der Vorkriegszeit gegenüber.
Alle ungünstigen Faktoren zusammengenommen bewirkten, dass die Ausgaben fast doppelt so hoch waren wie die Einnahmen und der Eisenbahnhaushalt der Länder 1919 ein Defizit von 4,95 Milliarden Goldmark aufwiese, das bis Ende 1920 noch auf ca. 8 Milliarden anstieg. 1913 hatten die Länderbahnen noch 1 Milliarde Gewinn erwirtschaftet.
Unter diesen Umständen ließ der Widerstand der Länder gegen die Übernahme der Eisenbahn durch das Reich erheblich nach. Schon im Artikel 89 der Weimarer Verfassung von 1919 hatte es geheißen, es sei "Aufgabe des Reiches, die dem allgemeinen Verkehr dienenden Eisenbahnen in sein Eigentum zu übernehmen und als einheitliche Verkehrsanstalt zu verwalten". Weiter hieß es im gleichen Artikel: "Die Rechte der Länder, Privateisenbahnen zu erwerben, sind auf Verlangen dem Reiche zu übertragen". Als Termin für die Übergabe aller Länderbahnen an das Reich war in Artikel 171 der 1. April 1921 festgesetzt. Wegen der immer schlechter werdenden Finanzsituation baten die Länder um eine Vorverlegung der Frist um ein Jahr, der entsprechende Staatsvertrag trat so am 1. April 1920 in Kraft. Damit gingen allein in Preußen 34.443 km Staatsbahnnetz auf das Reich über.
Das Reich sollte nach dem Vertrag an die Länder ca. 39 Milliarden Mark Entschädigung zahlen, tatsächlich wurde mangels Masse keine einzige Mark entrichtet.
Mit der "Verreichlichung" der Bahn waren die vielen Probleme nicht beseitigt. Die neue Reichsbahn befand sich angesichts der durch die finanzielle Misere, den hohen Reparationsleistungen und der instabilen politischen Lage bestimmten Krisenjahre der jungen Republik bis 1923 in einer äußerst schwierigen Situation.
Die deutsche Großindustrie machte sich nun für eine Privatisierung der Reichsbahn stark. Der Reichsverband der Deutschen Industrie machte eine für die Reparationszahlungen dringend benötigte Kredithilfe in Höhe von einer Milliarde Goldmark vom Verkauf der Reichsbahn abhängig, was die Regierung jedoch ablehnte.
Die Besetzung des Ruhrgebietes im Jahre 1923 wegen der Nichterfüllung der
Reparationspflichten komplizierte die Lage der Deutschen Reichsbahn erneut. Fast
5.400 km der nach dem Krieg ertragreichsten Strecken wurden zunächst von
einer interalliierten Feldeisenbahnbehörde und später von der
französisch-belgischen Eisenbahnregie (mit Sitz in Mainz)
übernommen.
Gegen 3.00 Uhr am 10. Mai 1940 zitterte ein jäher Lichtstrahl zum langsam
sich verfärbenden Himmel, und ein starker Explosionsschall rollte
donnernd vom Maastal herauf. Die Straßenbrücke von Venlo war in
die Luft geflogen. Der Einmarsch der deutschen Truppen in Holland war von
holländischer Seite erkannt worden. Der Zweite Weltkrieg hatte Kaldenkirchen
erreicht. Kurz nach 5:30 Uhr hatte in aus Lobberich kommender Sonderzug der
Reichsbahn den Bahnhof Kaldenkirchen passiert. Er beförderte einen
Stoßtrupp von etwa 100 Mann des III. Bataillons Infanterie-Regiment 234 der
benachbarten 56. Infanterie-Division mit einigen Soldaten des 3. Zuges der 6.
Grenzwachtkompanie als ortskundige Führer. Der Zug sollte mit dem
Stoßtrupp um 5:35 Uhr die deutsche Grenze passieren und versuchen, den
Bahnhof Venlo zu durchfahren und bis zu der hinter dem Bahnhof liegenden
Maasbrücke vorzudringen. Sodann sollte die Brücke bis zum Eintreffen
der Masse des III. Batl. I R 234 gesichert werden. Das Unternehmen misslang. Der
Führer des Pioniertrupps, Leutnant Hertel war schon auf der Brücke am
Kabel, als die Brücke durch Fernzündung der Holländer
hochging.
Während des Zweiten Weltkrieges – insbesondere während der
Ardennenoffensive im Winter 1944/45 wurden im Kempener Bahnhof Lokomotiven von
den Truppenzügen abgekoppelt und gedreht. Zusätzliche Schiebeloks
sorgten dafür, dass die Truppenzüge den Höhenzug zwischen Grefrath
und Lobberich überwinden konnten. Die Drehscheibe im Kempener Bahnhof musste
bei diesen Aktionen von Hand bedient werden.
Im Jahre 1952 wird der Haltepunkt "de Wittsee" eröffnet.
Bahnhof Lobberich - Vorplatz

Bahnhof Lobberich Gleisseite, Foto:
Bongartz
Einfahrt in den Lobbericher Bahnhof
von Grefrath kommend
Foto: Herbert Mirbach, 1973
Ein schweres Unglück traf die Bahnfahrer auf der Strecke Kempen -
Kaldenkirchen. Am 7. März 1956 stieß ein mit Schülern
vollbesetzter Schienenbus in Kempen-Kamperlings mit einem Lastwagen zusammen.
Drei Schüler aus Grefrath, Mülhausen und Kaldenkirchen und der
Schienenbusführer starben, viele wurden schwer verletzt. Kurz darauf wurde
der Haltepunkt Kempen-Kamperlings eröffnet.

Bahnhof Lobbberich von der Gleisseite
Foto: Carl Bellingrodt, Juni 1953
ETA-Akku Schienenbusse (BR 515) fuhren hier zuletzt bis Anfang der 80iger Jahre. Es gibt aber auch Bilder, auf denen die „Uerdinger Schienenbusse“, die „Retter der Nebenbahn“ hier einst als Personenzüge eingesetzt wurden.
DB VT 95.9 "Uerdinger Schienenbus"
Nach der Einstellung des Personenzugverkehrs am 22. 5. 1982 (mit
vollständigem Rückbau der Bahntrasse bis Grefrath), gab es noch
einen florierenden Güterverkehr (auch in Lobberich wurde noch
rangiert) zwischen Grefrath und Kaldenkirchen, der jedoch zu Beginn des
Jahres 1990 stark eingeschränkt wurde. Meist bedienten Dieselloks der BR 290
wochentags noch zwei Privatanschlüsse am Lobbericher Güterbahnhof sowie
hinter dem Grefrather Bahnhof. Diese Aktivitäten endeten auf der Bahnlinie,
die zu ihren guten Zeiten einmal Hauptbahn gewesen war und mit der
Konkurrenzlinie Viersen – Kaldenkirchen durchaus mithalten konnte, erst mit
der endgültigen Stilllegung am 31.12.1999.
Das Empfangsgebäude in Lobberich wurde 1976 abgerissen, der Bahnhof in
Grefrath - im übrigen baugleich mit dem Lobbericher Bahnhof - wird heute
(2010) als Jugendtreff und der Bahnhof
Mühlhausen durch Gastronomie genutzt.
Der letzte Personenzug, der die Strecke zwischen Lobberich und Kaldenkirchen
befuhr, war ein Sonderzug, der zu Filmdreharbeiten im Jahre 1991 eingesetzt
wurde.
Nach der Stilllegung wurde die Strecke europaweit ausgeschrieben. Anfang 2004
wurden, obwohl es Interessenten zur Streckenübernahme gab, die Schienen auf
der alten Strecke entfernt. Nur der Schotter an einigen Stellen erinnert noch an
die alten Gleise.
Im Sommer 2010 wurde auf der alten Streckenführung ein Radweg (vom alten
Haltepnkt De Wittsee bis Grefrath) fertiggestellt.